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15.11.2020

RASSISMUS AN SCHULEN - „Aus den eigenen Fehlern lernen“

Ohne Angst über die Folgen von Rassismus sprechen. Fehler machen dürfen und bereit sein, diese zu korrigieren: Die Antidiskriminierungsexpertin Saraya Gomis spricht im Interview darüber, wie Lehrkräfte mit Rassismus umgehen können.


Quelle: picture alliance

Haben die Black-Lives-Matter-Proteste im Sommer das Bewusstsein unter Schüler*innen für Rassismus gestärkt? An den Protesten haben sehr viele jungen Menschen teilgenommen.

Saraya Gomis: Meine Erfahrung als Lehrerin ist: Das Bewusstsein war unter Schüler*innen schon vorher hoch. Sie interessieren sich sehr für das Thema, nicht erst seit den Protesten im Sommer. Es ist also nicht ein völlig neues Bewusstsein unter Schüler*innen entstanden. Aber es haben sich neue Initiativen gegründet. Wie bei den Klimaprotesten sind Schüler*innen sehr aktiv gewesen.

Dennoch werden immer wieder rassistische Vorfälle an Schulen bekannt, auch zwischen Schüler*innen.

Häufig fokussiert sich die Debatte auf die Schüler*innen, die diskriminieren. Und klar, das kommt vor. Aber das Problem von Rassismus an Schulen ist sehr vielschichtig. Dazu gehören Abwertungen von Lehrer*innen, problematische Lehrmittel oder Aufgabenstellungen. Meine Erfahrung ist, dass viele Schüler*innen einschreiten, wenn jemand in ihrer Klasse diskriminiert wird.

Inwiefern?

Als Lehrerin habe ich gemeinsam mit meinen Klassen Verhaltensrahmen festgehalten. Darin haben wir vereinbart, was wir tun wollen, wenn es zu Diskriminierungen kommt. Meine Schüler*innen haben dann lautstark eingefordert, dass alle die Regeln einhalten. Sie haben auch mich darauf hingewiesen, wenn ich mich diskriminierend verhalten habe.

Können Sie ein Beispiel nennen?

In Lehrmaterialien kommen immer noch diskriminierende Texte, Bilder, Aufgabenstellungen oder Begriffe vor wie etwa das N-Wort. Ich hatte Klassen, die entschieden haben, das N-Wort auf Arbeitsblättern durchzustreichen. Andere Klassen haben es im Text belassen, es aber nicht vorgelesen. Wichtig war, dass wir im Unterricht unter anderem gelernt hatten, über Diskriminierungen zu sprechen. Basis ist eine diskriminierungskritische Bildung.

In der Lehrer*innenbildung ist Rassismuskritik aber kaum Thema. Wie schafft man es, dass Lehrer*innen mit Rassismus im Unterricht umgehen können?

Das lernt man natürlich nicht in einer dreistündigen Fortbildung. Es ist ein langer Prozess der Professionalisierung, der immer wieder aufgefrischt und weiterentwickelt werden muss. Es braucht unter anderem Wissen über Rassismus und dessen Wirkungen. Lehrer*innen müssen üben, damit umzugehen, das im Team zu besprechen und zu reflektieren. Ein wichtiger Schritt ist, Diskriminierung überhaupt zu erkennen. In manchen Fällen ist das einfach – etwa wenn jemand rassistische Begriffe verwendet. Bei Diskriminierung in Prozessen ist das schon schwerer.

Was wären solche Prozesse?

Ein Beispiel: Einstellungen von Lehrer*innen können auf Vorurteilen und Stereotypen basieren. Zum Beispiel wenn ich als Lehrerin davon ausgehe, dass eine bestimmte Gruppe von Schüler*innen "bildungsfern" ist. Das wirkt sich darauf aus, wie ich mit ihnen und ihren Eltern umgehe, und wie ich vor Kolleg*innen über sie spreche. Also etwa, wenn ich Schüler*innen dieser Gruppe von vornherein als problematisch betrachte und dann schneller eine Klassenkonferenz zu einem "Problemfall" einberufe. Da kann Diskriminierung stattfinden, ohne dass ich einmal einen rassistischen Begriff verwendet oder einen für mich greifbaren diskriminierenden Gedanken hatte.

 

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