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03.02.2020

Together in Essen: „Wenn Leute mich gerade dadurch angreifen, dass ich nicht biodeutsch bin“

Together in Essen (TiE) hat mit den MultiplikatorInnen des Projekts Sally Nkrumah und Clarisse Akouala über die unterschiedlichen Workshops gesprochen. Wie haben sie sie erlebt? Was haben sie daraus für sich mitgenommen?


TiE: Worum ging es in den einzelnen Trainings?

Nkrumah: Bei dem Argumentationstraining gegen Stammtischparolen ging es darum: Wie gehe ich damit um und wie kann ich mich schützen, wenn Leute mich gerade dadurch angreifen, dass ich nicht biodeutsch bin. Mit biodeutsch ist gemeint, dass, wenn man denjenigen sieht, gar nicht erst hinterfragt, wo er herkommt. Das kann dann so aussehen, dass sie einen mit Vorurteilen beschimpfen, die vermeintlich typisch für die eigene Kultur sind. Das kränkt und lässt den Einzelnen sich nicht entfalten.

Akouala: In jeder Gesellschaft passiert das. Das gilt nicht nur für Deutschland. Ich komme aus dem Kongo. Dort gibt es viele verschiedene Ethnien, die einander gegenüber Vorurteile haben.

Nkrumah: Beim Miteinander Leben Training versucht man zu schauen, wo die verschiedenen Denkstrukturen herkommen und schult die Leute aus verschiedenen Kulturen auf professioneller Ebene. Bei der Multiplikatorenschulung ist die Ausgangssituation: „Ich weiß, wer ich bin. Ich stehe dazu, wie ich das mache.“ Man lernt hier, wie man andere Leute dazu empowern oder wie man es selbst unterstützen kann, dass verschiedene Kulturen mit unterschiedlichen Blickwinkeln harmonisch miteinander leben. Gleichzeitig erhält man Input, wie man Konflikte in einer Gruppe bewältigt, wenn sie entstehen. Weg von der individuellen Ebene.

 

TiE: Wie haben Sie die Workshops erlebt?

Nkrumah: Bei dem Argumentationstraining tat es gut, ganz offen darüber zu sprechen und sich mit Betroffenen austauschen zu können. Es ließen sich Fragen klären wie „Kann ich das an der Stelle überhaupt sagen, ohne genauso diskriminierend zu wirken wie mein Gegenüber?“ Vielmehr ist wichtig zu versuchen denjenigen zu sensibilisieren, dass das, was er sagt, mich gerade kränkt oder mir weh tut und er damit eine Grenze überschreitet.

Akouala: Der Workshop hat mir geholfen, denn ich wurde im Internet gemobbt. Ich habe danach genau darin meine Stärke gesehen und mich dagegen durchgesetzt.

Nkrumah: Man hatte Interessenten mit Migrationshintergrund gesucht, die als Schnittstelle zwischen Deutschland und Afrika dienen - so hab’ ich es empfunden. Darüber wollte man Menschen aus Afrika erreichen. Die Workshops dienen in erster Linie dazu, politisch zu bilden und das Miteinander Leben verschiedener Kulturen zu vereinfachen.

 

TiE: Welche Erfahrungen haben Sie damit?

Nkrumah: Bei mir ist es so, dass die Leute mich ansehen und fragen: „Woher kommst du?“ Wenn ich dann antworte: „Ich komm’ aus Essen“, dann sagen sie: „Woher kommst du wirklich?“ Damit gestehen sie ein, dass sie daran zweifeln, dass ich deutsch sein kann. Und das, obwohl man vielleicht in der Stadt geboren ist, sich als Essener sieht, sich als deutsch sieht. In solch’ einem Fall kann man nur sagen: „Meine Eltern kommen aus so und so.“ Das rechtfertigt aber auch wieder die Fragementalität. Sonst würde man gar nicht fragen.

Akouala: Gemobbt zu werden durch die eigenen Leute ist eigentlich noch schlimmer, weil man es von ihnen weniger erwartet. In dem gerade beschriebenen Fall auf Facebook waren es Kongolesen einer anderen Ethnie. Sie haben mich mit negativen Worten bombardiert. Da waren dann auf einmal über 100 Hasskommentare unter einem Bild, das ich gepostet habe. Deren Bild von einer Frau ging nicht konform mit dem, wie ich mich präsentiere - deshalb haben sie mich angegriffen. Die Zivilcourage zu haben, gegen so viele Menschen zu argumentieren - ich glaube, dabei haben mir die Workshops geholfen.

Nkrumah: Ich habe den Hintergrund, dass meine Eltern aus Ghana kommen - aus dem westafrikanischen Raum - und ich selbst hier in Deutschland seit meinem sechsten Lebensjahr aufgewachsen bin, hier sozialisiert bin. Darüber habe ich quasi einen anderen Blick auf die Probleme dieser Stammesgruppe und kann es eher nachvollziehen als jemand, der keine Eltern hat, die aus diesem Kontext kommen.

 

TiE: Wie war das Schokoladenspiel für Sie?

Akouala: Die Mehrheit entscheidet anders und man selbst ist in der Minderheit. Das kann einem überall passieren: am Arbeitsplatz oder zuhause mit den Kindern. Wichtig ist, wie man sich dann fühlt, wenn die Mehrheit gewinnt. Der Austausch mit den Anderen darüber war sehr, sehr interessant. Manche haben gesagt, dass man in so einem Fall am Arbeitsplatz eine Petition starten solle. Andere meinten, wenn die Mehrheit schon entschieden habe, solle man die Fähigkeit entwicklen, das zu tolerieren, es sogar zu akzeptieren.

Nkrumah: An das Spiel kann ich mich sehr gut erinnern. Manche haben einen besseren Start als andere. Das Leben ist halt nicht gerecht, leider Gottes. Die eine Gruppe hatte während des Spiels immer Macht. Ich habe es so erlebt, dass es einfach manche Strukturen gibt, durch die andere Vorteile haben und das auch wissen und dann auch für sich nutzen.

Akouala: Man sieht wie die Leute sich während des Spielverlaufs verändern. Am Anfang sind sie motiviert, aber zum Schluss unzufrieden. Ich würde sagen, da ist ein Mangel an Selbstvertrauen. Sie denken, man muss nur gewinnen. Dabei ist es eher die Gier danach. In solchen Sequenzen tritt der Egoismus in uns stark hervor. Das zeigt auch, dass man sich selbst nicht kennt und man nicht weiß, was man will. Sie verlieren völlig aus den Augen, dass sie auch verlieren können.

 

TiE: Sie hatten ja gleich mehrere Perspektiven: Teilnehmer und Multiplikator. Wie war das? Ist es Ihnen schwer gefallen, in der jeweiligen Rolle zu bleiben?

Akouala: Still zu sein und die Teilnehmer während der Miteinander-Leben-Trainings zu beobachten, mit ihnen zu fühlen, dafür war ich schon bereit.

Nkrumah: Mir ist das nicht schwer gefallen. Denn ich wusste da sofort, ich bin Multiplikatorin und ich kann jetzt während des Workshops nichts sagen, was ein Teilnehmer sagen würde. Ich würde damit die Sachen verwaschen. Man muss ja neutral bleiben und ich war mir dessen ganz bewusst.

Akouala: In der Co-Moderation lernt man mehr, indem man den Ablauf und die Interaktion beobachtet. Jedes Mal sind andere Leute da. Verschiedene Menschen kennen zu lernen und deren Sichtweise, das ist sehr interessant. In einer Sequenz sollte jeder auch sein Traumhaus zeichnen, danach wurde jedes DIN A4-Blatt halbiert und mit einem anderen aneinander gelegt. Man lernt dabei sehr schön, wie man mit Liebe teilen kann, ganz ohne Konflikte.

 

TiE: Jetzt wollen Sie das Gelernte bestimmt gern anwenden oder? Wie, wann ist das möglich?

Nkruma: Ich muss wirklich sagen, dass das in den Sternen steht. Ich weiß es nicht, wie die weitere Gestaltung aussehen soll. Ich habe daran jetzt teilgenommen und die Workshops sehr gut gefunden. Und ich werde mich damit auch noch mal - ganz r mich - auseinander setzen.

Akouala: Man ist ständig mit solchen Situationen konfrontiert. Beim Einkaufen oder in der Straßenbahn und das wird einem immer bewusster. Ich nehme mehr wahr, im Alltag.

Nkruma: Alle aus meinem Umfeld sind integriert. Sie sind Teil der Gesellschaft, hier sozialisiert und müssen sich damit kaum auseinander setzen.

Akouala: Ich versuche jetzt auch darüber in meiner Muttersprache aufzuklären. Deutschland ist da wirklich weiter mit seinem Angebot an Seminaren, Workshops usw.

Afrikaner, die in Frankreich leben, sind da noch nicht so weit wie hier. Ich kenne die Sozialprojekte aus Frankreich zwar nicht im Detail, aber auf mich wirkt es so, als wollten die Afrikaner das dort weniger, als nähmen sie daran weniger teil. Das ist sehr schade.

 

TiE: Was möchten Sie anderen mit auf den Weg geben, die auch ähnliche Erfahrungen im Alltag, in Schule oder Job machen?

Akouala: Ich versuche, das, was ich gelernt habe, auch weiterzugeben und das funktioniert. Das kommt richtig an. Ich mache Facebook live. In meinem Podcast thematisiere ich z. B. wie ich einer Person zuhören kann. Wenn ich über Konflikte spreche, frage ich: „Wie kommt das?“. Oftmals, weil die Leute nicht richtig zuhören. Vieles findet nur in ihrem Kopf statt. Sie hören nur das, was sie hören wollen, aber nicht das, was man sagt.

Nkruma: Sie müssen einfach selbstbewusst sein und lernen, ihr Anderssein zu akzeptieren. Das man sich selbst so sehen kann, wie man tatsächlich möchte.

Akouala: Vor kurzem gab es in meiner Community einen Konflikt, den ich lösen konnte. Einer aus meiner Community hatte vor, eine Gala zu machen. Damit sind Künstler gemeint, die sich zusammen tun, um Geld zu sammeln. Alle haben zugesagt, Essen gemacht und Geld gespendet. Doch deren Erwartungen waren zu hoch, denn so viel Geld, wie sie sich erhofft haben, haben sie nicht erzielt. Was haben die Afrikaner, die in Frankreich leben, gemacht? Sie haben den Veranstalter über WhatsApp beschuldigt, er habe sie abgezockt und ihnen das Geld geklaut. Sie haben regelrecht versucht, ihn fertig zu machen.

Nkrumah: Es gibt Menschen, die aus einem Impuls heraus direkt alles raus hauen, was sie auf dem Herzen haben, es manchmal nicht adäquat formulieren. Es ist schon gut, wenn man noch mal in sich kehrt und sich vorher fragt: „Was sag’ ich meinem Gegenüber?“. Und manchmal kann schweigen an der Stelle dann auch Gold sein.

Akouala: Der Konflikt ist dann so eskaliert, dass ich daraufhin ein Video gemacht habe. Darin habe ich erklärt, dass das tatsächliche Problem durch den Begriff Gala entstanden ist. Gala ist ein französisches Wort. In unserer Muttersprache haben wir dieses Wort nicht. Die Frauen, die sich so sehr über den Veranstalter aufgeregt haben, hatten den Begriff schlicht nicht verstanden. Sie sind davon ausgegangen, dass Gala automatisch immer Gewinn bedeutet. Als ich den Begriff mit ‚Lotto’ gleich gesetzt habe, konnten sie es verstehen.

Interview: Nina Hensch

ZU DEN PERSONEN

Sally Nkrumah arbeitet in Essen als Angestellte im Gesundheitswesen. Clarisse Akouala ist Künstlerin und hat einen eigenen YouTube-Channel, auf dem sie regelmäßig veröffentlicht. Zusammen sind beide MultiplikatorInnen für das Projekt TiE.


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