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05.02.2021

"Linda spricht mit": Herr Hajdarovac vom Verein Kulturzentrum Dzemat Essen e.V.


Linda Buers:
Heute telefoniere ich mit Herrn Hajdarovac, der in dem Verein Kulturzentrum Dzemat Essen e.V. als stellv. Vorsitzender tätig ist. Wir freuen uns darauf, das Kulturzentrum Dzemat Essen e.V. in unserem digitalen Newsletter migo zu präsentieren.

Wann wurde Ihr Verein gegründet und wie viele Mitglieder hat Ihr Verein heute?

Sanel Hajdarovac:
Unsere Vereinsarbeit begann in den frühen 1980er Jahren. Wir sind stetig gewachsen. Aus unserer Vereinsarbeit gingen sechs weitere Moscheegemeinden hervor. Wir haben ca. 300 Mitglieder.

Linda Buers:

Erzählen Sie uns bitte etwas über die Geschichte Ihres Vereins!
Welche Aktivitäten waren in den letzten 5 Jahren besonders wichtig?

Sanel Hajdarovac:
Muslime aus dem Raum des ehem. Jugoslawien, die sich in den 70ern während der Fastenmonate Ramadan zum Fastenbrechen gegenseitig besuchten und dabei zusammen beteten, entschlossen sich, einen ständigen Vorbeter aus dem damaligen Heimatland zu berufen und dafür einen Verein nach deutschem Recht zu gründen.

Schnell hatten wir einige dutzend Mitglieder. Wir organisierten das Vereinsleben und zogen mit unserem Verein mehrfach um. Da unsere Vereinsmitglieder größtenteils in Altenessen und unmittelbarer Umgebung heimisch sind, waren auch unsere Vereinsräume durchgehend im Essener Norden zu finden. Anfang der 1990er Jahre zerbrach unser damaliges Heimatland. Unser Verein überlebte trotzdem und passte sich den Veränderungen an.

Ende der 1990er Jahre wurden wir dann zum ersten Mal auch Eigentümer eines Gebäudes, das wir inzwischen mehrfach renoviert haben. In diesem Gebäude sind wir bis heute beheimatet. Aber unsere Räumlichkeiten reichen jetzt leider nicht mehr aus. Denn unser Fokus hat sich mit der Zeit verschoben. Während wir anfangs lediglich unseren religiösen Pflichten nachkommen wollten, haben wir als Verein heute verstärkt auch soziale, gesellschaftliche und vereinigende Aufgaben zu erfüllen. Unsere Mitglieder sind älter geworden. Für sie ist es nicht mehr selbstverständlich, ihr Rentnerdasein in ihrer ursprünglichen Heimat zu verbringen. Die Kinder und Jugendlichen verlangen Interaktionen über das reine Religionsthemen hinaus. Sie empfinden Deutsch als ihre primäre Muttersprache und das ist auch gut so. Aber unseren Verein stellt das natürlich vor neue Herausforderungen, auch räumlich. Die Kommunikation mit der Stadt, dem Land, anderen religiösen Gemeinden und der Öffentlichkeit ist heute viel wichtiger geworden. Unser Verein ist ein verlässlicher Partner und investiert viel Zeit und Geld in die Kommunikation mit Externen.

Unsere Strukturen haben wir bestmöglich angepasst. Räumlich werden wir uns ebenfalls verändern. Wir haben bereits ein Grundstück in Essen-Karnap gekauft. Dieses werden wir so umbauen, dass es sowohl in die Umgebung passt, als auch unsere Anforderungen erfüllt.

Leider leben wir in einer Zeit der verstärkten sozialen und kulturellen Konflikte. In einer Zeit in der auch friedliebende, offene und gut integrierte Moscheegemeinden rechten Anfeindungen ausgesetzt sind. Doch obwohl den Menschen im Essener Norden durch den Strukturwandel, durch die Flüchtlingskrise, durch vielfache soziale und wirtschaftliche Benachteiligung viel abverlangt wurde, ist die Akzeptanz unserer Gemeinde immer noch sehr groß. Dafür sind wir unseren Nachbarn, unserem Stadtteil und der Stadt Essen im Allgemeinen sehr dankbar.

Linda Buers:
Wie sind Sie an ein Vereinslokal gekommen?

Sanel Hajdarovac:
Wir haben das Glück, dass wir schon länger existieren und relativ viele Mitglieder haben. Darum können wir uns einen Neubau leisten. In unseren Reihen haben wir einige Mitglieder die seit vielen Jahren in der lokalen Politik, im interreligiösen Dialog oder im Integrationsrat der Stadt tätig sind. Wir kannten natürlich die üblichen Konfliktherde bei Moscheebauten. Diese wollten wir von Anfang an ausschließen. Darum haben wir lange nach geeigneten Objekten gesucht. Das trifft aber für die meisten anderen neugegründeten Migrantenorganisationen leider eher nicht zu. Darum ist es gut, dass es den Immigrantenverbund gibt. Oktay hat schon oft neugegründeten Vereinen bei der Suche nach einem Vereinslokal helfen können.  Ich arbeite viele Jahre mit Oktay zusammen. Es ist großartig, mit welcher Leidenschaft und Kraft er sich für die Migrantenvereine in Essen einsetzt. Anderen Vereinen würde ich empfehlen, erst einmal im Immigrantenverbund nach Rat zu fragen.

Linda Buers:
Wie ist die Situation der Menschen in Bosnien heute?

Sanel Hajdarovac:
Bosnien ist eins der ärmsten Länder Europas. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch, die Perspektiven für junge Menschen eher schlecht, die politischen Verhältnisse sind kompliziert. Viele Menschen verlassen es, weil sie es als korrupt und ineffizient empfinden. Sie müssen bedenken, dass sie ganz legal als Arbeitskräfte in Staaten der EU anheuern können. Das ist schade, denn das Land Bosnien und Herzegowina ist landschaftlich wunderschön und verbindet seit Jahrhunderten viele verschiedene Kulturen und Religionen.  

Aber der Exodus hat in diesem großartigen Land leider Kontinuität. Sie müssen wissen, dass z.B. in der Türkei mehr Menschen bosnischer Herkunft leben als in Bosnien und Herzegowina selbst. Die amerikanische Stadt St. Louis wäre mit ihren Bürgern bosnisch-herzegowinischer Herkunft in Bosnien die siebtgrößte Stadt. Die Nationalmannschaften unserer Nachbarländer, aber auch vieler anderer Länder wären ohne Sportler aus Bosnien lange nicht so erfolgreich. Wahrscheinlich hätte das Land Bosnien und Herzegowina ohne die Investitionen ihrer Diaspora noch größere wirtschaftliche Probleme. Ich persönlich liebe das Land und die Menschen aber trotz all dieser Probleme trotzdem. Obwohl ich seit 1972 in Deutschland lebe, habe ich z.B. meinen bosnisch-herzegowinischen Pass nicht gegen einen deutschen eingetauscht. Aus Heimatverbundenheit nehme ich dadurch viele Nachteile billigend in Kauf. Aber ich sehe das so: Für das Recht und die Möglichkeit die Staatsbürgerschaft dieses Landes haben zu dürfen, sind viele Menschen vor nicht einmal 30 Jahren gestorben. Darum bleibe ich Bosnier… Auch wenn ich niemals in diesem Land leben werde. Selbst nach meinem Tod werde ich Essen nicht verlassen.    

Linda Buers:
Durch die Pandemie mussten viele Veranstaltungen abgesagt werden. Was können Sie zurzeit anbieten und worüber freuen Sie sich besonders?

Sanel Hajdarovac:

Wir sind sehr froh, dass die freie Religionsausübung in der BRD ein hohes Gut ist und weder Vereinsarbeit noch gemeinsame Gebete in der Pandemie zu irgendeiner Zeit verboten waren.

Wir bieten schon seit einigen Monaten unseren Vereinsmitgliedern gemeinsame Gebete in der Moschee an. Dabei achten wir selbstverständlich genauestens auf die Einhaltung aller Hygiene- und Abstandsregeln. Zu den üblichen Gebetszeiten kommen eine handvoll Gläubige in unsere Vereinsräume. Sie bringen eigene Gebetsteppiche mit, desinfizieren sich die Hände am Eingang, halten den notwendigen Abstand, indem sie auf die Markierungen auf dem Boden achten und tragen zu jeder Zeit einen Mund-Nase-Schutz. Zum Freitagsgebet erscheinen üblicherweise einige Mitglieder mehr. Darum muss man sich über eine WhatsApp-Gruppe vorher angemeldet haben. Im Allgemeinen schöpfen wir die Kapazität von 28 Plätzen in unserem Gebetsraum nie völlig aus. Während der Feiertage, um den Jahreswechsel herum, waren dann mehr Vereinsmitglieder anwesend. Aus diesem Grund werden mehrere, zeitlich versetzte, Freitagsgebete angeboten.

Es hat uns sehr geholfen, dass die Stadt den Außenparkplatz der Messe Essen für ein gemeinsamen Gottesdienst zum Ende des Fastenmonats Ramadan zur Verfügung gestellt hat. Ein herzliches Dankeschön an unseren Oberbürgermeister Thomas Kufen dafür.

Linda Buers:
Warum sind Sie dem Essener Verbund der Immigrantenvereine beigetreten?
Inwiefern war diese Mitgliedschaft bisher für Sie nützlich?
Welche Aufgaben erfüllen Sie als Vorstandsmitglied im Essener Verbund der Immigrantenvereine?

Sanel Hajdarovac:
Wir kannten Muhammet Balaban schon lange vorher. Dieser Mann hat uns immer beigestanden und genießt deshalb in unserer Community allerhöchstes Ansehen. Als er uns dann diese Idee des Verbundes vieler Immigrantenorganisationen vorstellte, waren wir begeistert und sofort dabei. Die Probleme in den Vereinen sind häufig sehr ähnlich. Ein Zusammenschluss hilft bei den Lösungen. In der Wirtschaft heißt das „Synergien nutzen“, im theologischen Sprachgebrauch „sich gegenseitig befruchten“. Viele Fortbildungsangebote, Seminare, Tagungen hätten wir als einzelner Verein nicht realisiert.

Das Auftreten gegenüber den städtischen Institutionen fällt uns in der Gruppe natürlich viel einfacher. Das Streuen von Informationen ist im Netzwerk viel effektiver. Früher wussten es meist nur die unmittelbaren Nachbarn, wenn man ein Vereinsfest oder einen Bücherbasar veranstaltete. Heute wissen es sehr schnell viele andere Vereine.

Ich bin seit vielen Jahren Vorstandsmitglied im Immigrantenverbund. Weil ich an die Idee glaube, opfere ich gerne meine Zeit dafür.  Als ich jung war, haben andere ihre Zeit für mich geopfert. Das hat mich geprägt und hat mir geholfen. Dafür bin ich nun dankbar und möchte das ein bisschen zurückgeben. Aber ohne meine Mitstreiter Oktay Sürücü, Muhammet Balaban, Yilmaz Agirman, oder auch viele andere, würde ich das nicht schaffen. Oft springen sie selbstlos da ein, wo ich die Arbeit nicht schaffe.

Ich erarbeite mit den Anderen neue Ideen, versuche die Projekte dann mit umzusetzen. Ich versuche Sprachrohr für die einzelnen Vereine zu sein und sie entsprechen gegenüber Außenstehenden zu vertreten. Weil ich selbst seit Jahrzenten Vereinsvorstandsmitglied bin, kenne ich die Wünsche und die Sorgen der Vereinsvorstände aus eigener Erfahrung.

Linda Buers:
Welchen Rat können Sie Vereinen geben, die sich erst vor kurzer Zeit gegründet haben?

Sanel Hajdarovac:
Es ist wichtig, möglichst viele Menschen zusammen zu bringen. Man muss also zunächst aktiv nach Menschen suchen, die sich mit dem Vereinszweck identifizieren können und nicht warten bis Interessierte sich selbst melden. Je größer die Mitgliederzahl ist, um so leichter wird es. Denn dann kann man sich besser austauschen, man kann die Arbeiten gleichmäßiger verteilen und Aktionen, für die Geld benötigt wird, schneller realisieren.

In der Satzung sollte man die angestrebte Gemeinnützigkeit festschreiben, denn damit hat man schon sehr viele offene Fragen beantwortet. Eigene Vereinsräume sind praktisch. Aber ich kenne auch viele Vereine, die ohne eigene Vereinsräume gut zurechtkommen.

Es ist von Vorteil, wenn man eine Vorsitzende/einen Vorsitzenden hat, der einerseits gut zu führen weiß und die Mitglieder eint. Andererseits Aufgaben aber auch bei Bedarf delegieren oder abgeben kann.

Linda Buers:
Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Sanel Hajdarovac:
Da fallen mir spontan die üblichen Dinge ein, wie z.B. Frieden, Gesundheit, Glück usw. Das würde aber nicht viel über mich persönlich aussagen und da ich eh fest daran glaube, dass sowieso als so kommt, wie es einer höheren Macht beliebt, kann ich an dieser Stelle auch konkreter werden:

1. Ich wünsche mir, dass wir recht bald zusammen diese Pandemie überwinden und ich im Oktober mit vielen Freunden meinen 50ten Geburtstag feiern kann.

2. Ich wünsche mir, dass der geilste Verein der Welt in der Bundesliga bleibt und in naher Zukunft nicht nur die Nr. 1 im Pott, sondern auch in ganz Deutschland ist.

3. Als ich damals heiratete, hatten wir nicht viel Geld. Eine große Hochzeitsfeier – oder reise waren da leider nicht drin. Im Juni feiern wir Silberhochzeit. Es wäre schön, wenn ich mit meiner Frau diese Hochzeitsreise jetzt nachholen könnte.
 
Linda Buers:
Vielen Dank für dieses Interview. Weiterhin viel Erfolg und – bleiben Sie gesund.

Wenn Sie zu dem Verein Kontakt aufnehmen möchten, haben Sie hiermit die Möglichkeit:

E-Mail: hajdarovacsanel(at)freenet.de
Telefon: 0201 34 34 80
Website: www.dzemat-essen.de


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