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15.06.2021

Aus dem Alltag türkischer "Gastarbeiter"


Bild: tunaolger / pixabay

Zum 60. Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens zeigt das Ruhr Museum von Juni bis Oktober 2021 die Sonderausstellung „Wir sind von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990“ mit 120 Fotografien von Ergun Çağatay.

Genau 31 Jahre ist es her, dass der Istanbuler Fotograf und Ethnologe Ergun Çağatay (1937-2018) türkeistämmige Menschen in Hamburg, Köln, Werl, Berlin und Duisburg besuchte und in Tausenden von Aufnahmen fotografierte. Die umfangreiche Bildreportage, die von März bis Mai 1990 entstand, ist ein lebendiges Zeugnis der türkischen Einwanderung nach Deutschland. Vom 21. Juni bis zum 31. Oktober, dem Jahrestag des Anwerbeabkommens, ist auf der 12-Meter-Ebene des Ruhr Museums eine Sonderausstellung mit 120 Fotografien zu sehen, die im Rahmen dieser Reportage entstanden sind. Die teils großformatigen Abzüge zeigen eindrucksvolle Momentaufnahmen aus dem Alltagsleben von Familien aus der Türkei, den sogenannten Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern.

Die multikulturelle Gesellschaft entsteht

Als 1961 das Anwerbeabkommen zwischen Bonn und Ankara geschlossen wird, braucht die Bundesrepublik dringend gut ausgebildete Arbeitskräfte. „Bis zum Stopp des Anwerbeabkommens 1973 kommen über eine Million türkeistämmige Gastarbeiter nach Deutschland. Heute bildet diese Community, mit der vierten Generation der Nachgeborenen und mittlerweile 2,5 Millionen Menschen, die größte Migrationsgruppe in Deutschland“, beschreibt Prof. Heinrich Theodor Grütter, Direktor des Ruhr Museums, den Hintergrund der Ausstellung. 1990, als Ergun Çağatay für seine dreimonatige Fotoexpedition durch Deutschland reist, erlebt er ein Land zwischen Mauerfall und deutscher Wiedervereinigung. „Es ist ein Moment des Umbruchs. Deutschland beginnt, sich zu einer multikulturellen Gesellschaft zu entwickeln“, sagt der Historiker, der Çağatay selbst 2018, kurz vor dessen Tod, in Berlin kennengelernt hat.

„In seinen Bildern fächert Çağatay die ganze Vielfalt der türkisch-deutschen Lebenswelten vor unseren Augen auf“, erklärt Heinrich Theodor Grütter. Die Sonderschau lässt das Publikum in Wohnzimmer und Moscheen blicken. In Berlin mischte sich Çağatay unter die Gäste einer Hochzeit und traf Mitglieder einer Jugendbande in Kreuzberg. In Köln besuchte er Facharbeiter beim Autohersteller Ford am Fließband, in Duisburg Bergmänner einer Steinkohlenzeche unter Tage und in Hamburg Hafenarbeiter. „In Werl wird zu dieser Zeit die erste neugebaute Moschee mit Minarett in Deutschland eröffnet. Çağatay hält diesen Moment fest. Ab jetzt wird nicht mehr im Hinterhof gebetet. Migrantinnen und Migranten wollen nicht mehr am Rande der Gesellschaft leben“, beschreibt der Direktor des Ruhr Museums ein Bild der Ausstellung. Die Schau zeigt 120 der insgesamt 3.500 Fotografien, die Ergun Çağatay in Deutschland erstellt hat. Mit Hilfe der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung konnte das Ruhr Museum alle 3.500 Reportagebilder von Çağatays Erben erwerben.

Zum Rahmenprogramm gehören unter anderem Kochkurse, ein Schreibworkshop und ein Symposium, Poetry Slam, Diskussions- und Talkrunden sowie eine Lesereihe. Zum Ende des Sommers wird eine deutsch-türkische Kulturnacht gefeiert, mit Lesungen, Tanz und einem Auftritt des Rappers Eko Fresh. Das komplette Programm ist mit Beginn der Ausstellung auf den Webseiten des Ruhr Museums und im Kalender zu finden.

Quelle: www.zollverein.de


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